15.03.2015

Field Station Berlin Teufelsberg

Schon bei meinem letzten Berlin-Besuch stand ein Besuch des Teufelsbergs weit oben auf der ToDo-Liste. Irgendwie passte es aber zeitlich nicht.
Das Interesse an LostPlaces ist bei mir nach wie vor ungebrochen. Die Field Station Berlin Teufelsberg war bis in die 90iger Jahre ein geheimer Lauschposten der Amerikaner und Briten auf einem Schuttberg im Grunewald.

Hier waren bis zu 1.500 Mitarbeiter mit der Überwachung des Ostblocks beschäftigt. Analysten trugen Informationen zusammen und erstellten tägliche Berichte für die Direktoren der NSA und des britischen SIS.

Dem Vernehmen nach hätten die Amerikaner den Horchposten gerne alleine betrieben. Das Problem: Er lag im britischen Verwaltungssektor. Somit ging es also nur gemeinsam. Gelauscht wurde schon in den 50iger Jahren. Ab 1963 entstanden feste Gebäude.

Die Radiodome waren schon von weitem sichtbar. Wie riesige Golfbälle hingen sie in der Skyline am Rande von Berlin. Der Berliner Bevölkerung wurde erklärt, hier entstehe eine Telekommunikations-Station. Was ja im weitesten Sinne auch stimmte. :)

Die Amerikaner und Briten zogen 1991 ab. Von 1991 bis 1999 wurde die Station als Flugsicherungs-Radarstation genutzt. Seitdem stehen die Gebäude leer.

Der Berliner Senat verkaufte das Grundstück danach an eine Investorengruppe, die auf dem Gelände ein 5-Sterne-Luxushotel und Luxus-Eigentumswohnungen errichten wollte, dann aber pleite ging. 2005 entzog der Senat dem Investor die Baugenehmigung. Das Gelände ist seitdem wieder als Wald ausgewiesen und darf nicht mehr weiter bebaut werden.

Seit diesem Zeitpunkt geschah dass, was fast immer mit spannenden, leerstehenden Gebäuden geschieht: Die Absperrzäune wurden durchschnitten, Vandalismus hielt Einzug. Ab 2011 wurde das Gelände wieder gesichert und wird nun bewacht. Es gleicht einer Mischung aus Abenteuerspielplatz, Müllkippe und Drehort für Endzeit-Spielfilme. Nach Anmeldung kann es besichtigt werden.

Auf dem Gelände tummeln sich aktuell viele Graffiti-Künstler, die sich tagsüber, nach Voranmeldung, auf dem Gelände verwirklichen können. Es gibt also wirklich viel zu entdecken.


Wie lange der aktuelle Status erhalten bleibt ist fraglich. Die Stadt Berlin denkt über einen Rückkauf und die Errichtung einer Gedenkstätte / eines Museums nach.

Der Besuch


Direkt hinter dem schweren Eingangstor. Links, die ehemalige Kantine

Eine serpentinenartige Straße schlängelt sich am Teufelsberg hoch. Sie endet an zwei großen Parkplätzen. Ausgeschildert ist der Teufelssee. 

Rechts biegen wir nun in eine weitere Straße ein, die scheinbar nur zu einem dritten Parkplatz führt. Zumindest ist sie so ausgeschildert. Nach etwa zwei Kilometern endet unsere Fahrt aber vor einem breiten, verschlossenen Tor. Das soll die ehemals streng bewachte Abhörstation sein? Ein Mann schiebt von innen das massive, bestimmt zehn Meter breite Tor zur Seite und lässt uns mit dem Auto hinein. Hinter uns sehen wir, wie das Tor wieder zugeschoben wird. Wird sind scheinbar gefangen. :)

Während wir auf die Führerin warten, schauen wir uns ein wenig im Bereich der Einfahrt um. Im alten mit Graffitis besprühten Pförtnerhäuschen sehen wir das schon zahlreiche erfolglose Versuche unternommen wurden, das dicke, grüne Panzerglas mit Steinen und Schüssen zu zerstören. 


Panzerglas am Pförtnerhaus der Lauschstation


Rechts und links vom Pförtnerhäuschen gabelt sich der Weg. Rechts zum Besucherparkplatz der Anlage, links hinauf auf den geschützten Bereich. Auf beiden Seiten sind -im Boden versenkte- Durchfahrsperren zu sehen, die wohl vor langer Zeit hydraulisch Betrieben den Weg versperren konnten. 

Unsere Führerin nimmt uns nun in Empfang und wir laufen gemeinsam auf dem linken Weg, vorbei an einem Gebäude das früher als Kantine diente. Das einzige Gebäude mit Glasscheiben, wie sich später herausstellen sollte. Die verglasten Kantinenbereiche liegen auf etwa sechs Meter Höhe. Darunter, in der früheren Warenanlieferung stapeln sich derzeit Bretter, Stühle, Teppiche und Unrat.

Der Weg nimmt eine Linkskurve. Rechts und links tauchen nun unvermittelt zwei hohe, fensterlose Gebäude auf. Links weiter hinten sehen wir einen kleinen Radiodom, der inzwischen lila bemalt, wie ein Leuchtturm sein Dasein fristet. 


Hinter der nächsten Rechtskurve sind wir dann am Ziel: Vor uns liegt das großes Gebäude, das die spektakulären, fussbalähnlichen Radiodome trägt, die wir von verschiedenen Fotos kannten. 

Auf dem Weg zum Hauptgebäude kommen wir an einem kleineren Radiodome vorbei

Dieses Gebäude war eines der beiden Hauptgebäude, in denen die 1.500 Mitarbeiter untergebracht wurden. Die beiden Komplexe waren damals fensterlos und bestanden aus massiven Mauern. Wir betreten das Gebäude über einen Seiteneingang und gelangen in den ursprünglichen Bereich, der vom britischen Geheimdienst genutzt wurde. Inzwischen ist das Gebäude entkernt. Von Büroräumen oder ähnlichem ist nichts mehr zu sehen. Im Haupttreppenhaus wechseln wir nun in die erste Etage. Der Aufzug wurde -wie auch die gesamte elektrische Verkabelung- von Metalldieben ausgebaut. Strom ist in diesem Gebäude nicht mehr vorhanden. Was sofort auffällt : jede, aber wirklich jede Ecke des Gebäudes ist mit Graffitis bemalt. Überall zieht es. Es ist sehr kalt. Ab der ersten Etage sehen wir dass auch die vorderen Wände zum Teil fehlen. 

Die ehemaligen Büroräume der NSA Mitarbeiter. Links: Treppenhaus und Aufzugsschacht
Balkone und Räume der "Luxus-Musterwohnung"

In den oberen beiden Etage sind Zwischenwände stehengeblieben, die nun als Graffiti-Wände dienen. Diese Wände standen ursprünglich nicht und wurden vom Investor des Luxus-Resorts gezogen um die Wohneinheiten abzugrenzen.


In der obersten Etage betreten wir nun die Muster-Luxus-Loft-Wohnung, die vom damaligen Investor als Beispiel für interessierte Käufer eingerichtet wurde. Inzwischen ist allerdings vom Luxus nicht mehr wirklich etwas zu sehen. Auch hier haben Vandalismus und Sprühdosen Einzug gehalten. Zumindest erahnt man noch die geplante Aufteilung.


Im Inneren der Musterwohnung (obere Ebene)


Vom Treppenhaus der obersten Etage gelangen wir nun auf eine Art Dachterrasse. Hier waren zwei der drei größten Radiodome untergebracht. Was geblieben ist sind Reste der Hülle. Es ist schon ein merkwürdiges Gefühl, sich an diesem ehemals so streng bewachten Ort zu befinden, der nun dem Verfall Preis gegeben ist. Wir laufen durch die Radiodome, machen einige Fotos und laufen dann über das Treppenhaus zwei weitere Etagen nach oben, die lediglich in das größte, mittlere Radiodome führen.

Zerstörte Außenhaut der Radiodome
Sockel mit Treppenhaus und Aufzug des größten Domes


Das Material der Hülle dieses Domes besteht aus Glasfaser und hat als einziges die vielen Jahre vollständig überlebt. Die Technik wurde natürlich längst abgebaut. So bleibt lediglich der riesige, zementierte Sockel, auf dem das Radar früher montiert war.


Sensationell ist die Akkustik in diesem überdimensionalen Golfball. Jedes geflüsterte Wort wird tausendfach verstärkt und ist an jeder Stelle im Dome deutlich zu verstehen. 
Wir bleiben noch einige Minuten und klettern dann langsam wieder herunter. Unsere iPhone- Taschenlampen weisen uns den Weg durch das ansonsten stockfinstere Treppenhaus. 

Unten angekommen sind wir glücklich über die vielen, hoffentlich tollen Fotos die wir an diesem ungewöhnlichen Ort schießen konnten. Wer weiß: Vielleicht schauen wir in ein paar Jahren noch einmal vorbei, wenn alles schön renoviert wurde und das Spionagemuseum eröffnet wurde. Bis dahin ist allerdings noch einiges zu tun. :)

Sehr spannend ist übrigens in diesem Zusammenhang die Bildübersicht von Thomas Kemnitz, der die NSA Field Station 2003 besucht hat. Hier sieht man die   Gebäude in einem Zustand vor dem Vandalismus.